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Master
Kunst

Anastassia Chaguidouline

Ich gehe täglich auf die Waage und hoffe auf ein Wunder — Preview

Ich sass in der Mitte meines Zimmers, vor meinem grossen Schreibtisch auf mei- nem Drehstuhl und drehte mich stundenlang um meine eigene Achse. Als Kind konnte ich das auch im Stehen, mir wurde nie schwindelig. Also drehte ich mich um meine eigene Achse und dachte mir Geschichten aus. Ich erfand lange Ge- schichten, die so elaboriert waren, dass ich eine Geschichte oft über mehrere Tage oder Wochen in meinem Kopf entwickelte. Das waren die glücklichsten Momente meiner Kindheit. In dieser Zeit war ich der absoluten Überzeugung, dass alles, was sich mein Verstand einmal gedacht hatte, an einem bestimmten, geheimen Ort im Gehirn landet. Dort warten dann diese Gedankenwege, Informationen und Geschichten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um sie aufzuschreiben. Also machte ich weiter und schrieb in meinem Kopf, und drehte mich um mich selbst. Ich erinnere mich natürlich an keine dieser Geschichten.

So habe ich angefangen zu schreiben, oder eben nicht zu schreiben. An- stelle zu schreiben, plane ich etwas zu schreiben. Anstelle zu erleben, plane ich etwas zu erleben. Ich warte auf etwas, das mir ein Signal gibt. Etwas von Aussen. Ich warte darauf, dass jemand mir sagt was ich tun soll. Ich warte darauf, dass jemand es mir befiehlt. Ich warte darauf, dass das Leben lebenswert wird, die Geschichte schreibenswert und ich liebenswert. Wenn ich mal gross bin. Doch jetzt bin ich gross und ich warte immer noch.

Es fällt mir unendlich schwer zu schreiben. Vielleicht genau deswegen.