NEXT GENERATION
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Institut Kunst

Hoffnungen aus dem All?

Hoffnungen aus dem All?

Till Langschied, worum geht es in deiner Abschlussarbeit?
Meine Abschlussarbeit «Noosphärentrümmer II (A Future Unwilling to Come)» besteht aus zwei Elementen. In einer Ecke des Kunsthaus Baselland liegt zum einen eine grossformatige Skulptur aus verbannten Holzlatten. Die Skulptur ist der Form der International Space Station ISS nachempfunden und gleichzeitig in eine Wabenstruktur zerlegt, die an das Polygonnetz von 3-D-Modellen erinnert. 
 Zum anderen habe ich eine Augmented Reality App programmiert, die den Besuchenden in den Trümmern der idealisierten Raumstation eine Animation simuliert. In dieser Simulation fliegt der Künstliche-Intelligenz Roboter CIMON (der seit Herbst 2018 tatsächlich auf der ISS ist) durch den Raum und philosophiert über die Geschichte der Raumfahrt und die Träume und Hoffnungen, welche von Menschen an Technik geknüpft werden. Besonders betont er dabei die Verschiebung der Idee von Modernität der Raumfahrttechnologie hin zu künstlicher Intelligenz und (vermeintlicher) Smarttechnology.
Somit geht es in der Arbeit auch nicht explizit um Raumfahrt oder die ISS, sondern vielmehr um das grundsätzliche Verhältnis zwischen Menschen und Technologien und wie die daraus entstehenden Abhängigkeiten unseren Alltag in einer von der klimatischen Katastrophe bestimmten Zukunft dominieren werden.  

Der Titel der Arbeit verweist auf den von Wladimir Iwanowitsch Wernadski (russischer Geologe, Geochemiker und Mineraloge) geprägten Begriff der Noosphäre, in welcher sich gemäss dessen Philosophie Geist, Kultur, aber auch Träume und Wünsche der Menschen in einem gesonderten Orbit um die Erde befinden. Aus meiner künstlerischen Recherche resultiert die Behauptung, dass die Technologie glorifizierenden Ikonen des «Space Age», als deren letztes grosses Projekt die ISS gesehen werden kann, in unserer heutigen Wirklichkeit als leere Gerippe aus diesem Orbit der Träume auf uns herab kollabieren werden.

Wie kamst du auf dieses Thema?
In meiner künstlerischen Arbeit beschäftige ich mich seit Längerem mit dem Verhältnis zwischen Menschen und Technologie. Wir sind komplett verwoben mit Technologie. Jeder Aspekt unserer Existenz ist eine digitalisierte Wirklichkeit. Wir leben in einem gigantischen Roboternetzwerk, das von den Unterseekabeln bis rauf zu den Satelliten der Technosphäre reicht. Für mich sind diese Maschinen und Technologien mehr als nur Werkzeuge oder Objekte. Sie haben metaphysische Qualitäten. Sie sind Versuche der Menschen, sich als Spezies in Raum und Zeit zu kontextualisieren und zu rechtfertigen. 

Zum einen interessiert mich deshalb, wie unsere Körper mit Technologien verschmelzen und zum anderen versuche ich die Emotionalität von utopischen Technologien aufzuzeigen und künstlerisch zu verarbeiten. Hierfür bietet sich die emotional, politisch und wirtschaftlich sehr aufgeladenen Technologien der noch jungen und bereits strauchelnden Raumfahrt besonders an. 

Meine Recherchen hierzu begannen im Frühjahr 2018. Im folgenden November zeigte ich das erste Mal auf dieser Forschung basierende Arbeiten in der Einzelausstellung «Propagandaposter für nostalgische Simulationen». Meine Abschlussarbeit «Noosphärentrümmer II (A Future Unwilling to Come)» ist eine verdichtete Weiterentwicklung derselben. 

Was ist dein konkreter Beitrag zur Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft als künstlerisch-gestalterisch tätige Person mit Blick auf die ökologischen, politischen und/oder ökonomischen Herausforderungen? Wie siehst Du Deinen Handlungsspielraum?
Wir schlittern als Gesellschaft gerade mit High-Speed in ein neues Zeitalter der vollkommenen digitalen Vereinnahmung. Das bringt viele Vorteile, wirft aber auch ganz neue und gleichzeitig sehr alte Fragen auf. Mit meiner künstlerischen Arbeit möchte ich Teil einer Diskurskultur sein, in der unser digitales Leben und die Ausbreitung der vernetzten Maschinen reflektiert wird. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie lange das Ressourcen verschlingende Internet mit seiner Coltan basierten Smartphone-Technologie überhaupt noch in einer sich stetig aufheizenden Welt bestehen kann.

Die Welt, wie wir sie kennen, verglüht und ersäuft. Und wir schauen zu. Kunstschaffenden wird (aus einer manischen Verzweiflung heraus) gesellschaftlich eine historisch unverhältnismässige Rolle als Mahnende, Erziehende und Weltrettende aufgebürdet. An dieser Last müssen wir zwangläufig kollektiv scheitern, beim gleichzeitigen Bewusstsein, dass die Kunst als Veredlungsmethode, die im Sinne der Wertschöpfung am effizientesten ist, zum neuen Fetisch des Spätkapitalismus wurde. Meine Aufgabe als Künstler mag es daher sein, während dieses langsamen Aussterbens unserer Spezies, den Diskurs über diese Prozesse aufrecht zu erhalten. Der künstlerische Diskurs rettet zwar niemanden, aber immerhin nimmt er ein wenig die Betäubung während der kapitalistischen Selbstschlachtung des Homo Sapiens. Kunstmachen wird dadurch zu einer Art der aus der Besorgnis heraus geborenen Böswilligkeit. 

Wohin geht deine (berufliche) Reise jetzt nach dem Studium?
Nach dem Studium möchte ich weiter als freischaffender Künstler arbeiten. Im Herbst 2019 bin ich an einigen Ausstellungen in Basel und anderen Orten beteiligt und plane auch bereits künstlerische Projekte für das kommende Jahr. Natürlich bleibt dabei immer fraglich, ob man von der eigenen Kunstproduktion dann auch leben kann.
Das Arbeitsleben freischaffender Künstlerinnen und Künstler besteht neben seiner Ateliertätigkeit vor allem aus Nebenjobs. Zur Zeit arbeite ich in einem Basler Sexshop und möchte diesen Job auch nach dem Abschluss behalten. Dies vor allem, da ich das Pornokino des Ladens seit Sommer 2019 für meinen Kunst-Offspace PLEASURE ZONE verwenden kann.

2015 lernte ich in einem Yogakurs in Penang, Malaysia, eine ältere Britin kennen, die mich überreden wollte, mit ihr Agrarsubventionen in Bangladesch zu verwalten. Das stand seinerzeit für mich nicht zur Debatte, klingt heute jedoch irgendwie reizvoll. Im Gedanken an solche durch die Sphären schwebenden Möglichkeiten versuche ich stets, eine gewisse Bereitschaft für Abenteuer ins Universum auszusenden, in der Hoffnung auf neue Erfahrungen. Ich bin fest überzeugt, dass neue Dinge und Aufgaben, skurril und wild, am Horizont warten.

**Till Langschieds Arbeit ist noch bis zum 1. September 2019 im Kunsthaus Baselland als Teil der Diplomausstellung I-HOOD zu sehen. Eindrücke aus seinem Schaffen findet ihr auch auf Instagram **